Und wozu braucht man das?

In meinem ersten Artikel möchte ich beschreiben, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, mich mit solchen Dingen wie Philosophie oder Geisteswissenschaften zu beschäftigen. Eigentlich erwartet von einem Ingenieur niemand, dass zu viel über das nachdenkt, was er tut. Man kann in seiner eigenen Welt bleiben und dort sehr glücklich sein.

Mittlerweile bin ich in meinem Studium so weit, mich offiziell Ingenieur nennen zu dürfen. Doch schon immer habe ich über alle Tellerränder geschaut, die ich finden konnte. Sehr interessant fand ich deshalb die Initiative des Referats für Technik- und Wissenschaftsethik. Dort können Studenten von Fachhochschulen in Baden-Württemberg etwas über Ethik und Nachhaltigkeit lernen. Dort habe ich ein Kompaktseminar zu Systemtheorie besucht. Damit hat für mich alles begonnen. Genau genommen mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann:

Systeme sind zu aller erst etwas, womit jeder Techniker etwas anfangen kann. Doch man merkt schnell, dass Luhmann damit etwas ganz anderes meint. Schließlich ist dieser ein Soziologe und somit wenig an Computern oder Regelungstechnik interessiert. Vielmehr beschreibt er die Gesellschaft mit Systemen. Das größte ist die Gesellschaft selbst, die die Menschen aber gar nicht einschließt, sondern nur deren Kommunikation. Schon allein diese im ersten Moment abwegige Definition hat in der wissenschaftlichen Diskussion große Wellen geschlagen. So große, dass man noch heute über die in den 60gern veröffentlichte Theorie diskutieren kann.

Gerade diese Abstraktion hat jedoch für mich die größte Faszination ausgemacht. Themen wie Gesellschaft habe ich immer als kompliziert und undurchschaubar empfunden. Doch abstraktes Denken liegt jedem Ingenieur. Damit stellt diese Systemtheorie für mich ein Werkzeug dar die ganze Welt besser zu verstehen. Meistens geht es dabei weniger um diese Gesellschaftstheorie in all ihren Facetten sondern viel um die Ideen und Konzepte die sich in vielen Situationen anwenden lassen.

Als ich mich näher damit beschäftigt habe, habe ich festgestellt, dass viele Soziologen die Systemtheorie selbst nicht wirklich verstanden haben. Somit hatte ich durch das Verständnis dieses schwierigen Themas eine Art Hintertür zur Geisteswissenschaft entdeckt. Ich konnte damit versuchen zu ergründen wie Geisteswissenschaftler sich von uns Ingenieuren unterscheiden.

Eine weiterer interessanter Aspekt ist der wissenschaftliche Diskurs den es um Luhmann gibt. Die Hauptkomponente der Kommunikation in Wissenschaft ist Diskussion. Doch erlebt man diese  in Ingenieurwissenschaften nur selten. Somit hat mir dieses Thema auch geholfen, einen Einblick in eine sehr philosophische Disziplin zu erhalten, die Diskussion.

Grundsätzlich bin ich einfach ein großer Fan dieser Theorie. Ich könnte noch ewig weiter erzählen, was sie alles kann.

Wenn ich erzähle, dass mich Philosophie interessiert, bekomme ich oft die Frage gestellt: „Und wozu braucht man das?“. Doch eigentlich ist es genau dass, was mich daran fasziniert: Dass ich einmal das studieren kann was mich interessiert und nicht was irgendjemand für meinen späteren Beruf für wichtig hält.

„Studiere, was andere vor Dir über die Dinge gesagt haben, aber verlasse Dich nicht zu sehr auf sie. Achte Deine Vorgänger, aber sei nicht ihr Sklave!“ (Paul Feyerabend)

Literatur zu Luhmanns Systemtheorie

PS: Ich hoffe mein erster Gehversuch im Schreiben ist geglückt. Ich würde mich über ein Kommentar freuen, wenn das Urteil nicht zu brutal ausfällt. Ansonsten gibt es den nächsten Artikel nächstes Wochenende.

5 Gedanken zu „Und wozu braucht man das?

  1. Claire

    Ich finde es spannend, die Sicht eines Ingenieurs auf Luhmann. Die These, dass viele Soziologen die Systemtheorie nicht verstanden haben, würde ich aber gerne näher erläutert haben. Nicht, dass ich das bezweifle, aber Du solltest schon ein paar Andeutungen machen, wie genau das in Deinen (wohl sehr anders geschulten Augen) der Fall ist. Schöne Grüße, L.

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    1. Christian Henkel Beitragsautor

      Ich kenne wahrscheinlich gar nicht viele Soziologen. Aber viele die ich kenne, halten nicht viel von Luhmann, weil ihnen der Einstieg in die Theorie zu schwer erscheint.

      Damit ist es für mich natürlich auch eindeutig, dass man die Systemtheorie nur dann nicht mögen kann, wenn man sie nicht verstanden hat. 😉

      Nein, eigentlich unterstütze ich die These von @kusanowsky, (http://sowi-stammtisch.de/2015/09/26/wozu-systemtheorie-und-niklas-luhmann/) dass ein echter Zugang zu Luhmann eine gewisse Psychologische Vorbedingung erfordert.

      Dabei geht es hauptsächlich darum, dass man darauf gefasst sein muss, verunsichert zu werden. Außerdem ist die Systemtheorie auch keine die mit einfachen Merksätzen und einer überschaubaren Lernkurve aufwartet. Und nur wer von ihr begeistert ist, beschäftigt sich weiter damit.

      Und es gibt immer Menschen, die zu den für Luhmann empfänglichen gehören, und solche die es nicht tun. Manche davon sind Soziologen, andere nicht.

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  2. Pete

    Sehr schöne Ansätze, im mittleren Teil etwas holprig, die Begriffe Gesellschaft und Kommunikation betreffend. Nach Luhmann kommuniziert die Kommunikation, psychische System operieren mit Gedanken. Nur so eine keine Anregung. Hoffe mehr von Ihnen, zu lesen.

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    1. Christian Henkel Beitragsautor

      Vielen Dank für dieses kritische und differenzierte Feedback. Meine hauptsächliche Motivation zum Schreiben des Blogs ist insgesamt ja, etwas dabei zu lernen. Deshalb bin ich besonders froh über Feedback, das mich weiter bringt.

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