Turbovegetarier ohne Facebook

Besonders im internationalen Vergleich habe ich das Gefühl, dass es in Deutschland besonders vielen Menschen gibt, die Facebook nicht benutzen möchten. Handelt es sich dabei um eine Modeerscheinung? Manche führen es auf unsere Geschichte zurück, dass viele von uns so handeln. Aber ist diese Bewegung unabhängig von den Gründen erstrebenswert oder handelt es sich nur um eine peinliche deutsche Marotte?

Fruchtstand in Barcelona (Quelle: wikimedia.org)

Häufig sprechen sich diese „Facebookverweigerer“ auch dafür aus, kein Fleisch zu essen. Zumindest gibt es eine deutliche Tendenz, dass immer mehr Menschen in Deutschland Vegetarier werden. Dieser national Trend legt Nahe, dass diese Entscheidung nicht von jedem individuell getroffen wird, sondern von etwas wie einer Modeerscheinung beeinflusst wird.

Argumente für die Entscheidung zum Fleischverzicht sind häufig moralische: Viele, besonders junge Menschen, halten es für falsch Fleisch zu essen, sagte Larissa Albrecht vom Vegetarierbund Deutschland. Dies spricht dafür, dass Vegetarismus langsam zu einer gesellschaftlichen Norm wird. Diese Norm scheint zumindest Menschen bestimmter Gesellschaftsbereiche dazu bringt auf Fleisch zu verzichten.

Eine ähnliche deutsche Entwicklung, hin zum Verzicht eines sonst allgegenwärtigen Konsumgutes, sehe ich bei Facebook. Auch hier scheinen sich immer mehr Deutsche in Verzicht zu üben. In Ländern  wie Mexiko oder Singapur habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Menschen dort Facebook viel häufiger nutzen. Abgesehen von der Nutzungshäufigkeit werden dort auch scheinbar deutlich privatere Dinge öffentlich gemacht. Mancher möchte nun entgegnen, das sei kein Problem, weil diese Leute nichts zu verbergen haben. Zwar sind die meisten Informationen über die meisten Leute tatsächlich nicht so schützenswert wie der Aufenthaltsort von Edward Snowden, jedoch fehlt diesen Social-Media-Exibitionisten vielleicht einfach der Sinn für das Private.

Der Begriff Privatsphäre wird bei uns häufig ganz umgangssprachlich benutzt. Aber was ist das eigentlich für eine Sphäre? Genau genommen handelt es sich dabei um eine Menge von Informationen. Man kann zum Beispiel auch von einer Gesellschaftssphäre sprechen. In dieser Sphäre, quasi einer Kugel, sind all die Informationen über einen enthalten, die die Öffentlichkeit kennen kann. Zum Beispiel meinen Namen und mein Geburtsdatum. Es gibt jedoch andere Informationen über meinen Gesundheitszustand oder meine Gefühle, die sich nur in meiner Privatsphäre befinden, also nur ich kennen darf.

Das Internet hat die Eigenschaft, das es Menschen dazu verleiten kann, eigentlich private Informationen preis zu geben, die man eigentlich nicht einmal seinen Freunden verraten würde. Man schreibt in einem Blog Gedanken auf, die man niemals einfach so auf einem Marktplatz umher schreien würde – obwohl man genau das tut. Man fühlt sich in gewisser Weise anonym. Das ist ein Teil des Problems: Schein-Anonymität.

Doch man kann einen Sinn für Privatsphäre entwickeln. Und ich glaube, dass genau das in Deutschland gerade sehr kollektiv geschieht. Immer mehr Leute wenden sich von diesem Medium ab oder bemühen sich um einen reflektierteren Umgang mit ihren Daten. Ich halte dies jedoch nicht für eine individuelle Entscheidung, genauso wenig wie ich es bei Vegetarismus tue.

Zunächst scheint es sich hierbei um eine Meinungsfrage zu sozialen Medien oder Fleischkonsum zu drehen. Doch es gibt in Deutschland in letzter Zeit auffallend vielen solcher Phänomene, die auf ein höheres moralisches Bewusstsein zurückzuführen sind. Auch das Aufbegehren gegen Großprojekte wie Stuttgart 21 zeugen von einer gesellschaftlichen Entwicklung. Ich denke aber, dass man hier e beobachten kann. Dinge wie ein Sinn für privates im Internet werden zu einer gesellschaftlichen Norm. Es gibt in der Geschichte so etwas wie eine darwinistische Normevolution, schließlich halten wir heute die früher allgegenwärtige Sklavenhaltung für unfair. Vielleicht ist auch das Streetview-Desaster kein Ausdruck deutscher Technophobie sondern die Evolution einer Gesellschaft.

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