Natur und Technik

Kann man Natur und Technik vergleichen? Was unterscheidet diese Bereiche? Kann ein solcher Vergleich fair sein? Und, wann sollten wir aufhören fliegen zu wollen?

Wenn die Geschichte der Technik erzählt wird, dann landet man oft beim Rad. Gerne wird die Entdeckung des Rades als eine (im wahrsten Sinne des Wortes) bahnbrechende Erfindung gesehen – ein wahrer Meilenstein der Technikgeschichte. Doch wenn man es sich recht überlegt, war es die Erfindung von etwas, das es schon gibt – im Tierreich. Tiere können, sofern es ihnen erforderlich ist, lange Strecken überwinden. Wer beispielsweise an Zugvögel denkt, wird einsehen, dass diese auch ohne Räder sehr gut lange Strecken zurück legen können. Aber auch etwas anderes fällt am Beispiel Vögel auf: Sie können fliegen. Auch etwas, wofür wir Menschen sehr lange gebraucht haben.

Flugzeugstart (CC by Rex Huang)

„>Technik< meint die Menge der künstlichen Dinge und Sachen, ihre durch den Menschen verursachte Entstehungsweise und ihren nutzenorientierten Gebrauch.“ Quelle

Auch wenn Natur und Technik häufig den gleichen Zweck erfüllen, so tun sie es doch mit Mitteln die unterschiedlicher nicht sein könnten. Denn wo ist das Metall in der Natur? Wenn Vögel fliegen tun sie das mit, gleichsam grazilen wie majestätischen, federbesetzten, Schwingen. Wir Menschen benötigen dazu einen Koloss aus Leichtbaustahl mit der Schönheit eines Atomkraftwerks. Wenn ein Vogel beginnt zu fliegen, wenn er sich in die Lüfte erhebt, tut er das mit einem wohldosierten Flügelschlag und vielleicht einem leichten Windhauch. Wenn wir abheben, produziert das eine ganzen Menge Lärm und verbraucht noch mehr Kerosin.

Obwohl der direkte Vergleich nicht ganz fair ist, kommen wir als Menschen mit unserer Technik häufig weiter als die Natur. Zum Beispiel fliegen Zugvögel nicht mal eben von Deutschland bis ans andere Ende der Welt, nach Neuseeland.

Jedoch fällt bei den erwähnten Unmengen von Kerosin auf, dass technische Systeme deutlich mehr Energie verbrauchen als natürliche. Scheinbar sind alle biologischen Entwicklungen energieeffizient. Prinzipien der Natur sind evolutionär entstanden und das hat zu einem sparsamen Umgang mit vorhandenen Ressourcen geführt. Im Angesicht eines Fressfeindes ist ein Tier, das eine energieeffiziente Fortbewegung entwickelt hat, denen überlegen, die früher außer Atem sind.

Ein übliches Argument für Kreationismus ist, dass gerade die Komplexität in der Beschaffenheit von Lebewesen auf einen Schöpfer schließen lässt. Doch hätte ein allmächtiger Designer nicht hier und da ein bisschen mehr Treibstoff mitgenommen und eher so etwas wie ein Flugzeug statt einem Vogel entwickelt? Ich glaube, dass gerade die unglaubliche Zweckmäßigkeit und Umgebungsanpassung von Lebewesen die große Effektivität natürlicher Evolution zeigt. Die vielen Fehler in technischen Entwicklungen lassen biologische Prinzipien umso genialer erscheinen.

Eine sehr interdisziplinäre Wissenschaft, die genau zwischen diesen beiden Welten sitzt, ist die Bionik. Ihr Ziel ist es Prinzipien und Errungenschaften evolutionärer Entwicklung für technische Systeme nutzbar zu machen. Dafür gibt es bisher viele Beispiele wie „Winglets„, kleine Verlängerungen am Ende eines Flugzeugflügels, die die Aerodynamik verbessern. Damit senken sie den Treibstoffverbrauch und werden mittlerweile bei vielen Flugzeugmodellen serienmäßig eingesetzt. Sie sind der Flügelform beispielsweise eines Kondors nachempfunden und lassen so etwas der evolutionären erlangten Energieeffizienz in die Technik zurück fließen.

Doch obwohl man viele solcher Erfolgsgeschichten bionischen Ideenklaus erzählen könnte, so ist unser Leben doch sehr technisch geworden.

„Wir leben technisch, der Mensch als Beherrscher der Natur, der Mensch als Ingenieur, und wer dagegen redet, der soll auch keine Brücke benutzen, die nicht die Natur gebaut hat.“ aus Max Frisch: Homo Faber

Ich finde, man darf nie vergessen, dass wir in einer nahezu vollständig künstlichen Welt leben. Alles was uns umgibt ist menschengemacht. Man kann noch so viel in den Biosupermarkt gehen. So lange man mit dem Auto dort hin fährt, könnte man der Natur ferner nicht sein. Und wer abends joggen geht sollte sich klar machen, dass er das nur als Ausgleich für seinen vollständig unnatürlichen Bürojob tut. Gerade ein Ingenieur muss sich der Verantwortung bewusst sein, dass er einer der Erzeuger dieser künstlichen Welt ist.

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